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Monday
Oct292012

von Detlef Schumacher, Taschendiebe

Mein Chef zeigte sich sehr zufrieden. Nachdem er meinen Artikel über das vorbildliche Familienleben der Rummichs gelesen hatte, veranlasste er dessen sofortigen Druck.

„Endlich wieder etwas Vernünftiges“, lobte er mich und drückte mir 20 Euro in die Hand, damit ich ein ordentliches Mittagessen zu mir nehmen könne. Ich sehe so abgemagert aus. Meine Backenknochen träten unnatürlich hervor. Ich sagte, dass zu einem stärkenden Mittagsmahl auch ein erfrischendes Getränk gehöre. In einer Anwandlung von Großherzigkeit legte er noch 5 Euro dazu. Bevor er mich verabschiedete, verlangte er recht bald einen nächsten Beitrag von mir. Diesmal keinen familiären, sondern wieder einen vom pulsierenden Leben auf der Straße.

Ich begab mich zu Brunos ‚Suppentopf’, in dem ich preiswert Erbsensuppe mit Würstchen aß. Mich kostete das 5 Euro. 20 Euro konnte ich also anderweitig verprassen.

Meine Leser, vor allem die Leserinnen würden vor Entzücken fast vergehen, wenn sie den Rummich-Artikel gelesen hatten. Tamaras Bitte folgend hatte ich das Leben in der Villa des Sanitätsrats a.D. Fred Rummich in rosigsten Farben geschildert. Fred, den ich als selbstlosen, stets freundlichen und liebenswerten Familienvater dargestellt hatte, würde in nächster Zeit  von Autogrammbitten überschwemmt sein. Tamara würde Gleiches widerfahren.    

Ich hatte ihr Wesen in Worte gefasst, wie sie mir schöner noch nie aus der Feder gekommen waren. Ein Filmproduzent, sofern er diese Ausgabe der ‚Leseratte’ vor Augen bekäme, würde Tamara von der Stelle weg die Hauptrolle in einem Liebesfilm übertragen. Hoffentlich in keiner Schnulze.

Grigori, den eigentlich ungezogenen Sohn der Rummichs, hatte ich mit vielen lobenswerten Attributen versehen. Die jungen Mütter der Stadt würden die Erziehung ihrer Kinder an der makellosen Person des fünfjährigen Rummich-Rotzlöffels orientieren.

Dass die Glorifizierung der Rummichs negative Folgen für mich haben könnte, daran dachte ich überhaupt nicht. Wer wehrt sich schon gegen ein positives Urteil – auch wenn es unzutreffend ist?   

Gesättigt und mit mir zufrieden bezahlte ich und betrat wieder die Straße. Wie jeden Tag hasteten Menschen in verschiedene Richtungen, teils gut gelaunt, teils weniger gut. Liebespärchen hielten sich an der Hand. Vielleicht fürchteten sie, sich im Gedränge zu verlieren. Ehepaare, die ihre noch anhaltende Zuneigung demonstrieren wollten, gingen eingehakt einher. Ich ließ mich vom Strom der Menschen mitreißen. Vielleicht schwemmte er mich an eine Stelle, an der es so heftig pulsierte, dass es mitteilenswert war.

Meine aufmerksamen Augen sahen plötzlich, wie vor mir ein Mann von einer jungen Frau absichtlich angerempelt wurde. Der Herr im Glauben, er sei der Verursacher der Rempelei, entschuldigte sich bei der Frau mit einer Verbeugung. Die nutzte ein junger Mann, dem Gebeugten flugs in die Gesäßtasche zu greifen und ihr die Brieftasche zu entnehmen. Kaum war das geschehen, verschwand das Diebesduo in der Menge. Ich eilte auf den Bestohlenen zu und sagte ihm hastig: „Folgen Sie mir!“ 

Der tat es verwirrt. Vielleicht glaubte er, er habe sich etwas zu Schulden kommen lassen und müsse mir als Zivilpolizisten folgen. Ich drängte durch die Menge vorwärts, in der Hoffnung, das Gaunerpärchen zu erwischen. Was ich vorhatte, glich dem Suchen einer Nadel im Heuhaufen. Nach etwa hundert Metern gab ich auf und ließ mich erschöpft auf einer Bank nieder. Der Beraubte plumpste neben mich. Er war so verängstigt, dass er nicht sprechen konnte. Ich informierte ihn kurz über den Sachverhalt. Seine Verängstigung paarte sich nun mit Verzweiflung.

„Alle meine Papiere und mein gesamtes Geld sind weg!“ jammerte er.

Ich fragte nicht, wie viel Geld er bei sich geführt hatte. Für manchen sind 20 Euro schon viel Zaster. Über einen solchen Reichtum verfügte ich momentan.                                                                   

„Es wäre vernünftig, wenn wir die Räuber erwischen würden“, versuchte ich ihn zu beruhigen.

„Sind Sie Polizist?“ fragte er hoffnungsvoll.

„Privatdetektiv“, log ich.

„Ein erfolgreicher?“

Ich zögerte mit der Antwort. Dann: „Mal ja, mal nein.“

Kaum war das gesagt, sah ich das Diebespärchen erneut zu Werke geh’n. In unmittelbarer Nähe sogar. Das Vorspiel wie gehabt. Die angestoßene ältere Dame fiel jedoch zu Boden. Beide beugten sich über sie, als wollten sie ihr aufhelfen. Das taten andere, weil das Duo mit der Handtasche das Weite suchte. Besser gesagt, das Weite suchen wollte, denn in wilder Entschlossenheit folgte ich ihm. Diesmal verlor ich Beide nicht aus den Augen. Weil sie sich unentdeckt und deshalb sicher wähnten, wurden ihre Schritte gemächlicher. Als belaste sie keine Schuld, schlenderten sie zur breiten Portaltreppe des städtischen Polizeipräsidiums und ließen sich auf ihr nieder. Inmitten sonnenbadender junger Leute und nahe der Höhle des Löwen saßen sie mit Unschuldsmiene sowie der geklauten Hand- und Brieftasche. Sich der Diebstähle zu erfreuen, ließ ich ihnen keine Zeit. Forsch setzte ich mich neben sie und sagte zunächst unverfänglich: „Schönes Wetter heute.“

Sie guckten mich an, als würde ich mit dem nächsten Satz schlechtes Wetter voraussagen. Ich wurde direkter und sagte zur jungen Frau, die die Handtasche der alten Dame in der Hand hielt: „Erbstück, nicht wahr?“

Sie blickte doof und fragte: „Wieso?“

„Weil so etwas keine moderne junge Frau bei sich trägt.“

Ihr Partner schaltete sich ein und meinte böse, ich solle meine Nase in meine Angelegenheiten

stecken. Ich entgegnete, dass ich ein Faible für alte Dinge habe. Dann solle ich zu Teufels Großmutter gehen, wurde der Taschendieb grob. Ich sei auf dem Wege zu ihr, meinte ich einfältig lächelnd.

„Aha“, meinten Beide grinsend, denn sie glaubten, ich habe nicht alle Tassen im Schrank.  

Um meine geistige Beschränktheit noch mehr zu verhöhnen, fragte die junge Frau, wo die Großmutter wohne. Ich blickte hinter mich und wies aufs Polizeipräsidium. Nun lachten Beide aus vollem Halse. Ob ich ihr etwas Schönes bringen wolle, fragte der Mann. Er dachte wahrscheinlich an das Märchen vom Rotkäppchen.

Ich antwortete: „Ja, zwei unehrliche Menschen!“

Das Pärchen stutzte. Dann forderte der junge Mann seine Partnerin auf: „Lass’ uns gehen!“  Ihm schwante Unangenehmes. In diesem Moment schritten zwei Polizisten die Portaltreppe herab. Kaum waren sie in unmittelbarer Nähe, rief ich: „Haltet die Diebe!“ und sprang auf. Auch das Räuberpärchen erhob sich blitzschnell und nahm die Treppenstufen in Eile.

Da Polizisten ein geschultes Gespür für Delikte haben, sausten beide Ordnungshüter den Taschendieben nach.

 

Und wieder war mein Chef des Lobes voll. Ich sei nicht nur ein vorzüglicher Journalist, sondern auch ein nützlicher Fußgänger. Der Polizeipräsident persönlich heftete mir eine Ehrennadel an die Brust, die alte Dame lud mich zu Kaffee und Kuchen ein, und der bestohlene Herr bot mir seine zwanzigjährige hübsche Tochter zur Frau an. Ich wolle aber nicht heiraten, meinte ich und fragte, ob sie mir den Haushalt führen könne. Die Entscheidung bleibe ihr überlassen, meinte er lächelnd. 

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