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Monday
Oct292012

von Detlef Schumacher, Der Alltags-Held

Die Ehrennadel ‚Für tugendhaftes Verhalten’, die mir der Polizeipräsident persönlich angeheftet hatte, ermutigte mich zu weiteren nützlichen Taten. Aus diesen würden sich dann nette, wenn nicht gar nachahmenswerte Geschichten ergeben. Vielleicht brächten sie auch meinen Chef aus seinem seelischen Tief. Dass seine extravagante Gattin zu maßvollem Verhalten inspiriert würde, daran glaubte ich nicht. Sie las nicht die ‚Leseratte’, sondern Modezeitschriften.

Die Ehrennadel – meine bislang einzige Auszeichnung – trug ich stolz und sichtbar. Wechselte ich meine Oberbekleidung, wechselte ich auch sie. An warmen Sommertagen prangte sie selbst an einem meiner T-Shirts. Manche Stadtbewohner wussten von meiner Auszeichnung und begegneten ihr mit anerkennenden Blicken. So erlebte ich einmal, dass eine junge Mutti ihrem Kinderwageninhalt sagte: „Guck Mäuschen, der Onkel ist berühmter als Papi!“

Resonanz war ein Bäuerchen. Die meisten jungen Muttis waren entzückende Wesen, doch Papi wollte ich nicht werden. Das Babyplärren würde mir die Ruhe rauben.

Wie ich so ging und mich meiner babylosen Freiheit freute, schob sich ein superbreiter Kinderwagen an meine Seite. Mit schnellem Blick erfasste ich, dass es ein Zwillingswagen war. Aus diesem schrie es zweikehlig. Die dazu gehörende Mutter, die Körperbreite dieses Doppelsitzers habend, bat mich, einen Augenblick auf die süßen Kleinen aufzupassen. Sie müsse dringend etwas erledigen. Und schon furchte sie davon.

Da stand ich nun und war meiner Freiheit beraubt. Die süßen Kleinen malträtierten mein Gehör. Ich sah in den Wagen und erschrak. Die beiden Schreihälse waren pechschwarzen Gesichts. Hatte die Mutter vergessen, sie zu waschen? Bei einigen Müttern soll das ja vorkommen. Dann aber erahnte ich den Grund der Schwärze.

Der Zwillingswagen versperrte mehr als die Hälfte des Bürgersteigs. Die Passanten umgingen ihn geschickt und grinsten mitfühlend. Eine ältere Dame, im Umgang mit Babys wohl erfahren, hielt inne und forderte mich auf, den Wagen zu schaukeln. Ich ließ die Finger von ihm, denn sein Inhalt gehörte nicht mir. Die Dame setzte den Wagen in schaukelnde Bewegung.

„So macht man das“, sprach sie und wunderte sich, dass die Phonzahl aus ihm nicht nachließ.

Sie guckte in den Wagen und stieß einen Ruf der Verwunderung aus. Sofort hielten weitere Passanten an und blickten ins Wageninnere. Dann schauten sie auf mich und wunderten sich über meine Andersfarbigkeit.

„Sind die aber süß!“ ließ ein weiblicher Teenager seine Begeisterung hören. „Solche Schokobabys möchte ich auch haben.“

Die umstehenden Frauen guckten strafend. Dann richtete sich ihr Blick wieder auf mich. Ich fühlte mich in meiner weißen Haut nicht wohl. Suchend schaute ich in die Richtung, in die die Zwillings-Mutter gegangen war. Plötzlich erfasste mich die böse Ahnung, sie werde nicht zurückkehren und mir die Bälger überlassen. Ich würde zur Babyklappe.

Eine Frau stellte die Frage, ob ich eine Afrikanerin geheiratet habe. Ich erwiderte, ich sei nicht verheiratet. Sie rümpfte die Nase und meinte: „Typisch! Eine Asylantin schwängern und dann so tun, als sei es der Heilige Geist gewesen.“

Mir wurde die Angelegenheit immer unangenehmer. Die umstehenden Frauen wandten ihre Aufmerksamkeit wieder dem Wageninhalt zu. Weil die Lautstärke aus diesem nicht abebbte, schaukelten gleich mehrere Weiber dieses Gefährt. Ich ersah das als günstige Gelegenheit, zu verduften.

Kaum hatte ich diesen Vorsatz gefasst, übertönte eine Frau das Babygeschrei mit den Worten:

„Man glaubt es kaum! Der liebe Herr Hartmann“, sie meinte mich, „lässt seine Güte auch zwei kleinen Negerlein zukommen.“

Die Weiber hielten im Schaukeln inne und schauten sich nach einem Herrn Hartmann um. Da ich der einzige Mann in der Runde war, blieben die Blicke an mir haften.

„Ja, er ist es“, jubelte eine andere und zeigte auf meine Ehrennadel. Die war in dieser Stadt so bekannt wie das Bundesverdienstkreuz, das man vom Namen her kannte.

Mich meiner Aufsichtspflicht zu entziehen, war es nun zu spät. Ich rückte wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Die Zwillinge stellten ihr Brüllen ein. Auch deren Neugier war geweckt. Sicherlich waren sie weiblich.

Man erging sich in Lobpreisungen, wie uneigennützig ich mich zweier Babys aus dem dunklen Erdteil angenommen habe. Sicherlich habe ich sie in meine Obhut genommen, weil sie die Mutter aus Mangel an Muttermilch nicht stillen konnte.

Der Teenager stellte die Frage, ob ich in der Lage sei, den Kleinen die Brust zu geben. Für einen Augenblick trat Ruhe ein. Man erwartete eine Antwort von mir.

Ich erwiderte, recht zögerlich allerdings, dass ihnen dreimal täglich das Fläschchen gegeben werde. Diese allgemein gehaltene Antwort sagte nicht, dass ich der Geber sei. Da Frauen in ihrem Mutterwahn Details missachten, wurde ich erneut als der herzensgute Herr Hartmann gelobt. Mein solidarisches Verantwortungsbewusstsein sei nachahmenswert für andere Persönlichkeiten der Stadt.

Zwei Frauen nahmen die Zwillinge aus dem Wagen und gaben mir einen auf den linken und den rechten Arm. Dann rief man, ich solle „Cheese!“ sagen und glücklich lächeln. Drei Fotoapparate klickten, und ich war nebst Armbesatzung digital festgehalten.

In diesem Augenblick kehrte die Zwillings-Mutter zurück. Als sie sah, dass ich ihre Kleinen lächelnd auf dem Arm hielt, tönte sie erfreut: „Endlich habt ihr einen Ersatzpapa!“

Die Frauen guckten die Wuchtige verwundert an. Die schob die dicht Gedrängten zur Seite, trat an mich heran und gab mir einen schallenden Kuss.

Nach einer Pause erstaunten Schweigens brandete Beifall auf. Der flaute ab, als der Teenager die Frage stellte, ob die Dicke meine Frau sei. Sicherlich sei sie fremdgegangen, denn die Babys sähen so fremd aus.

„Na ja“, erklärte das Girl, „Weiß auf Weiß ergibt kein Schwarz.“

Nun hielt ich es an der Zeit, die Sachlage zu erläutern. Als ich geendet hatte, wurde ich umso mehr als Alltags-Held gepriesen. Der Teenager bat, ich möge noch fünf Jahre warten, dann dürfe er mich heiraten. 

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