Friday
Oct172014

Aus der Wissenschaft

Monday
Oct292012

von Detlef Schumacher, Der Alltags-Held

Die Ehrennadel ‚Für tugendhaftes Verhalten’, die mir der Polizeipräsident persönlich angeheftet hatte, ermutigte mich zu weiteren nützlichen Taten. Aus diesen würden sich dann nette, wenn nicht gar nachahmenswerte Geschichten ergeben. Vielleicht brächten sie auch meinen Chef aus seinem seelischen Tief. Dass seine extravagante Gattin zu maßvollem Verhalten inspiriert würde, daran glaubte ich nicht. Sie las nicht die ‚Leseratte’, sondern Modezeitschriften.

Die Ehrennadel – meine bislang einzige Auszeichnung – trug ich stolz und sichtbar. Wechselte ich meine Oberbekleidung, wechselte ich auch sie. An warmen Sommertagen prangte sie selbst an einem meiner T-Shirts. Manche Stadtbewohner wussten von meiner Auszeichnung und begegneten ihr mit anerkennenden Blicken. So erlebte ich einmal, dass eine junge Mutti ihrem Kinderwageninhalt sagte: „Guck Mäuschen, der Onkel ist berühmter als Papi!“

Resonanz war ein Bäuerchen. Die meisten jungen Muttis waren entzückende Wesen, doch Papi wollte ich nicht werden. Das Babyplärren würde mir die Ruhe rauben.

Wie ich so ging und mich meiner babylosen Freiheit freute, schob sich ein superbreiter Kinderwagen an meine Seite. Mit schnellem Blick erfasste ich, dass es ein Zwillingswagen war. Aus diesem schrie es zweikehlig. Die dazu gehörende Mutter, die Körperbreite dieses Doppelsitzers habend, bat mich, einen Augenblick auf die süßen Kleinen aufzupassen. Sie müsse dringend etwas erledigen. Und schon furchte sie davon.

Da stand ich nun und war meiner Freiheit beraubt. Die süßen Kleinen malträtierten mein Gehör. Ich sah in den Wagen und erschrak. Die beiden Schreihälse waren pechschwarzen Gesichts. Hatte die Mutter vergessen, sie zu waschen? Bei einigen Müttern soll das ja vorkommen. Dann aber erahnte ich den Grund der Schwärze.

Der Zwillingswagen versperrte mehr als die Hälfte des Bürgersteigs. Die Passanten umgingen ihn geschickt und grinsten mitfühlend. Eine ältere Dame, im Umgang mit Babys wohl erfahren, hielt inne und forderte mich auf, den Wagen zu schaukeln. Ich ließ die Finger von ihm, denn sein Inhalt gehörte nicht mir. Die Dame setzte den Wagen in schaukelnde Bewegung.

„So macht man das“, sprach sie und wunderte sich, dass die Phonzahl aus ihm nicht nachließ.

Sie guckte in den Wagen und stieß einen Ruf der Verwunderung aus. Sofort hielten weitere Passanten an und blickten ins Wageninnere. Dann schauten sie auf mich und wunderten sich über meine Andersfarbigkeit.

„Sind die aber süß!“ ließ ein weiblicher Teenager seine Begeisterung hören. „Solche Schokobabys möchte ich auch haben.“

Die umstehenden Frauen guckten strafend. Dann richtete sich ihr Blick wieder auf mich. Ich fühlte mich in meiner weißen Haut nicht wohl. Suchend schaute ich in die Richtung, in die die Zwillings-Mutter gegangen war. Plötzlich erfasste mich die böse Ahnung, sie werde nicht zurückkehren und mir die Bälger überlassen. Ich würde zur Babyklappe.

Eine Frau stellte die Frage, ob ich eine Afrikanerin geheiratet habe. Ich erwiderte, ich sei nicht verheiratet. Sie rümpfte die Nase und meinte: „Typisch! Eine Asylantin schwängern und dann so tun, als sei es der Heilige Geist gewesen.“

Mir wurde die Angelegenheit immer unangenehmer. Die umstehenden Frauen wandten ihre Aufmerksamkeit wieder dem Wageninhalt zu. Weil die Lautstärke aus diesem nicht abebbte, schaukelten gleich mehrere Weiber dieses Gefährt. Ich ersah das als günstige Gelegenheit, zu verduften.

Kaum hatte ich diesen Vorsatz gefasst, übertönte eine Frau das Babygeschrei mit den Worten:

„Man glaubt es kaum! Der liebe Herr Hartmann“, sie meinte mich, „lässt seine Güte auch zwei kleinen Negerlein zukommen.“

Die Weiber hielten im Schaukeln inne und schauten sich nach einem Herrn Hartmann um. Da ich der einzige Mann in der Runde war, blieben die Blicke an mir haften.

„Ja, er ist es“, jubelte eine andere und zeigte auf meine Ehrennadel. Die war in dieser Stadt so bekannt wie das Bundesverdienstkreuz, das man vom Namen her kannte.

Mich meiner Aufsichtspflicht zu entziehen, war es nun zu spät. Ich rückte wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Die Zwillinge stellten ihr Brüllen ein. Auch deren Neugier war geweckt. Sicherlich waren sie weiblich.

Man erging sich in Lobpreisungen, wie uneigennützig ich mich zweier Babys aus dem dunklen Erdteil angenommen habe. Sicherlich habe ich sie in meine Obhut genommen, weil sie die Mutter aus Mangel an Muttermilch nicht stillen konnte.

Der Teenager stellte die Frage, ob ich in der Lage sei, den Kleinen die Brust zu geben. Für einen Augenblick trat Ruhe ein. Man erwartete eine Antwort von mir.

Ich erwiderte, recht zögerlich allerdings, dass ihnen dreimal täglich das Fläschchen gegeben werde. Diese allgemein gehaltene Antwort sagte nicht, dass ich der Geber sei. Da Frauen in ihrem Mutterwahn Details missachten, wurde ich erneut als der herzensgute Herr Hartmann gelobt. Mein solidarisches Verantwortungsbewusstsein sei nachahmenswert für andere Persönlichkeiten der Stadt.

Zwei Frauen nahmen die Zwillinge aus dem Wagen und gaben mir einen auf den linken und den rechten Arm. Dann rief man, ich solle „Cheese!“ sagen und glücklich lächeln. Drei Fotoapparate klickten, und ich war nebst Armbesatzung digital festgehalten.

In diesem Augenblick kehrte die Zwillings-Mutter zurück. Als sie sah, dass ich ihre Kleinen lächelnd auf dem Arm hielt, tönte sie erfreut: „Endlich habt ihr einen Ersatzpapa!“

Die Frauen guckten die Wuchtige verwundert an. Die schob die dicht Gedrängten zur Seite, trat an mich heran und gab mir einen schallenden Kuss.

Nach einer Pause erstaunten Schweigens brandete Beifall auf. Der flaute ab, als der Teenager die Frage stellte, ob die Dicke meine Frau sei. Sicherlich sei sie fremdgegangen, denn die Babys sähen so fremd aus.

„Na ja“, erklärte das Girl, „Weiß auf Weiß ergibt kein Schwarz.“

Nun hielt ich es an der Zeit, die Sachlage zu erläutern. Als ich geendet hatte, wurde ich umso mehr als Alltags-Held gepriesen. Der Teenager bat, ich möge noch fünf Jahre warten, dann dürfe er mich heiraten. 

Monday
Oct292012

von Detlef Schumacher, Die maßlose Gattin

Der Bericht über die von mir ertappten Taschendiebe hob mich in der Gunst der Leser noch eine Stufe höher. Bald würde ich die höchste erreicht haben. Das war mein Ziel. Aber auch das meiner Kollegen. Mein momentaner Vorteil war, dass ich als ehrlicher und uneigennütziger Mensch gesehen wurde. Über einen solchen Vorzug verfügten die anderen nicht. Im Altersheim hatte sich eine Fanclub gebildet, der meine Artikel wie die Bibel las. Der Pfarrer, der den Alten einmal in der Woche Gottes Gebote erläuterte, wurde gebeten, mich selig zu sprechen.

„Er lebt ja noch“, erklärte er. „Wenn er bei Gott ist, kann solches getan werden. Doch muss er sich vorher vieler gottgefälliger Taten verdient gemacht haben.“

Mir war klar, dass ich mir keinen moralischen Schnitzer mehr erlauben durfte. Mit meiner Höherstufung war nämlich auch eine Gehaltserhöhung verbunden. Was tut man nicht alles für Geld!

Mein Chef hatte mir zudem in Aussicht gestellt, sein Stellvertreter zu werden. Vorausgesetzt, der Glanz meines Heiligenscheins verblasse nicht. Der hatte klug reden. Im Grunde genommen war es ihm um die steigende Leserzahl der ‚Leseratte’ getan. Davon profitierte er. Am meisten aber seine unersättliche Gattin. Die fand sich, wenn nicht im Bett beim Schönheitsschlaf, in einer der Modeboutiquen der Stadt. Mein Chef jammerte, dass sie Unsummen verschlinge. Als seine Nerven wieder mal am Boden waren, weihte er mich in seine Sorgen ein. Er bat mich, eine Möglichkeit zu finden, wie seine Frau von der Bildfläche verschwinden könne. Ich sei doch unverheiratet und deshalb unbelastet in der Moral.

Er machte einen so traurigen Eindruck, dass es mir schwer fiel, ihn von meiner diesbezüglichen Unfähigkeit zu überzeugen. Im Umgang mit Frauen sei ich noch sehr ungeübt, wie er wohl wisse.

Er wisse, hielt er mir entgegen, dass ich im Bett von Frauen lande.

Als hätte ihn plötzlich ein Strahl der Erleuchtung getroffen, klatschte er sich an die Stirn.

„Heureka! – Du musst mit meiner Alten ins Bett! Wie du das machst, ist mir egal. Und was du da machst, auch. Wichtig ist einzig und allein, dass du diese Bettgeschichte an die große Glocke hängst. Mein Weib wird sich zu Tode schämen und außer Haus nicht mehr gesehen werden wollen. Der finanzielle Überschuss, den ich fortan erziele, wird auch für dich gewinnbringend sein.“

Der Chef war wie ausgewechselt. Eben noch zu Tode betrübt, jauchzte er nun himmelhoch.

Ich wollte ihm die Freude zwar nicht verderben, doch schränkte ich ein, dass seine Frau sicherlich mit keinem anderen schlafen wolle. Schon gar nicht mit einem Mitarbeiter ihres Mannes.

Die Chef-Freude flaute etwas ab, doch zeigte sich noch einfallsreich.

„Damit die Sache nicht so offensichtlich ist, verfassen wir eine Klein-Anzeige für die Tageszeitung. In ihr sucht ein junger, attraktiver Mann – mein Chef sah mich spöttisch an – nach einer gut aussehenden Dame mit viel Geschmack für Mode und Schmuck.“

„Das kann die Dame missverstehen“, gab ich zu bedenken. „Sie glaubt bestimmt, der junge Mann habe es lediglich auf den Schmuck abgesehen.“

„Du hast recht“, gestand mein Chef. „Dann muss hinzugefügt werden, dass er, der junge Mann, über eine Fülle an edlem und seltenem Schmuck verfügt.“

„Na klar“, sagte ich „dann habe ich schon in der ersten Nacht ungebetene Gäste im Haus.“

„Deine Anschrift wird verschlüsselt sein, du Dummerchen“, wurde der Chef väterlich. „Wir sollten nicht länger zögern und die Sache schnellstens starten. Dein Einverständnis setze ich voraus.“

Er erhärtete es mit dem nochmaligen Hinweis auf den Posten des Stellvertreters und des höheren Gehalts. Im Überschwang seines Hochgefühls stellte er zwei Gläser auf den Tisch und füllte sie mit schottischem Whisky. Als er mir zuprostete, prostete ich nicht zurück, sondern machte Bedenken deutlich. Ich befinde mich auf dem besten Wege, eine  achtbare Person zu werden. Diese sittliche Reinheit solle sich auch in künftigen Artikeln ausdrücken. Der ‚Leseratte’ werde das noch mehr Leser bescheren. Ich erinnerte den Chef an seine diesbezüglichen Worte.

„Was soll ich nur machen?“ kehrte er in seine verzweifelte Ausgangsstimmung zurück.

„Meine Frau bringt mich um Geld und Verstand.“

Ich kehrte den Spieß um und riet ihm, Eigeninitiative zu ergreifen. Der Möglichkeiten seien viele, wie ein Ehemann die Gattin zur Mäßigung bringen könne.

„Umbringen ist die beste“, ersah er als einzige Lösung.  

„Richtig! Sie landet auf dem Friedhof und Sie im Knast“, schlussfolgerte ich knallhart.

In einer neuen Anwandlung von Hoffnungslosigkeit goss er den Inhalt des Whiskyglases auf ex in sich. Weil seine Schwermut plötzlich leicht wurde, setzte er die Flasche an die Lippen.

Nach einem kräftigen Schluck setzte er sie ab und sprach leicht lallend: „Ich weiß, wie ich’s mache. Ich fahre mit meiner Alten zu einer Modeboutique und kaufe ihr was Teures. Dort begieße ich mit ihr den Einkauf. Sie trinkt, und ich tue nur so. Dann setze ich sie ins Auto auf die Fahrerseite, starte den Wagen und verlasse ihn. Ich eile zur Polizei und sage, dass eine Frau betrunken Auto fahren wolle.“

Mein Chef lachte glucksend. Dieser Einfall freute ihn über alle Maen. Ich ließ ihm diese trunkene Laune. Wäre ich Spielverderber gewesen, hätte ich ihn wissen lassen, dass die  Frau als seine Frau identifiziert würde.

Monday
Oct292012

von Detlef Schumacher, Taschendiebe

Mein Chef zeigte sich sehr zufrieden. Nachdem er meinen Artikel über das vorbildliche Familienleben der Rummichs gelesen hatte, veranlasste er dessen sofortigen Druck.

„Endlich wieder etwas Vernünftiges“, lobte er mich und drückte mir 20 Euro in die Hand, damit ich ein ordentliches Mittagessen zu mir nehmen könne. Ich sehe so abgemagert aus. Meine Backenknochen träten unnatürlich hervor. Ich sagte, dass zu einem stärkenden Mittagsmahl auch ein erfrischendes Getränk gehöre. In einer Anwandlung von Großherzigkeit legte er noch 5 Euro dazu. Bevor er mich verabschiedete, verlangte er recht bald einen nächsten Beitrag von mir. Diesmal keinen familiären, sondern wieder einen vom pulsierenden Leben auf der Straße.

Ich begab mich zu Brunos ‚Suppentopf’, in dem ich preiswert Erbsensuppe mit Würstchen aß. Mich kostete das 5 Euro. 20 Euro konnte ich also anderweitig verprassen.

Meine Leser, vor allem die Leserinnen würden vor Entzücken fast vergehen, wenn sie den Rummich-Artikel gelesen hatten. Tamaras Bitte folgend hatte ich das Leben in der Villa des Sanitätsrats a.D. Fred Rummich in rosigsten Farben geschildert. Fred, den ich als selbstlosen, stets freundlichen und liebenswerten Familienvater dargestellt hatte, würde in nächster Zeit  von Autogrammbitten überschwemmt sein. Tamara würde Gleiches widerfahren.    

Ich hatte ihr Wesen in Worte gefasst, wie sie mir schöner noch nie aus der Feder gekommen waren. Ein Filmproduzent, sofern er diese Ausgabe der ‚Leseratte’ vor Augen bekäme, würde Tamara von der Stelle weg die Hauptrolle in einem Liebesfilm übertragen. Hoffentlich in keiner Schnulze.

Grigori, den eigentlich ungezogenen Sohn der Rummichs, hatte ich mit vielen lobenswerten Attributen versehen. Die jungen Mütter der Stadt würden die Erziehung ihrer Kinder an der makellosen Person des fünfjährigen Rummich-Rotzlöffels orientieren.

Dass die Glorifizierung der Rummichs negative Folgen für mich haben könnte, daran dachte ich überhaupt nicht. Wer wehrt sich schon gegen ein positives Urteil – auch wenn es unzutreffend ist?   

Gesättigt und mit mir zufrieden bezahlte ich und betrat wieder die Straße. Wie jeden Tag hasteten Menschen in verschiedene Richtungen, teils gut gelaunt, teils weniger gut. Liebespärchen hielten sich an der Hand. Vielleicht fürchteten sie, sich im Gedränge zu verlieren. Ehepaare, die ihre noch anhaltende Zuneigung demonstrieren wollten, gingen eingehakt einher. Ich ließ mich vom Strom der Menschen mitreißen. Vielleicht schwemmte er mich an eine Stelle, an der es so heftig pulsierte, dass es mitteilenswert war.

Meine aufmerksamen Augen sahen plötzlich, wie vor mir ein Mann von einer jungen Frau absichtlich angerempelt wurde. Der Herr im Glauben, er sei der Verursacher der Rempelei, entschuldigte sich bei der Frau mit einer Verbeugung. Die nutzte ein junger Mann, dem Gebeugten flugs in die Gesäßtasche zu greifen und ihr die Brieftasche zu entnehmen. Kaum war das geschehen, verschwand das Diebesduo in der Menge. Ich eilte auf den Bestohlenen zu und sagte ihm hastig: „Folgen Sie mir!“ 

Der tat es verwirrt. Vielleicht glaubte er, er habe sich etwas zu Schulden kommen lassen und müsse mir als Zivilpolizisten folgen. Ich drängte durch die Menge vorwärts, in der Hoffnung, das Gaunerpärchen zu erwischen. Was ich vorhatte, glich dem Suchen einer Nadel im Heuhaufen. Nach etwa hundert Metern gab ich auf und ließ mich erschöpft auf einer Bank nieder. Der Beraubte plumpste neben mich. Er war so verängstigt, dass er nicht sprechen konnte. Ich informierte ihn kurz über den Sachverhalt. Seine Verängstigung paarte sich nun mit Verzweiflung.

„Alle meine Papiere und mein gesamtes Geld sind weg!“ jammerte er.

Ich fragte nicht, wie viel Geld er bei sich geführt hatte. Für manchen sind 20 Euro schon viel Zaster. Über einen solchen Reichtum verfügte ich momentan.                                                                   

„Es wäre vernünftig, wenn wir die Räuber erwischen würden“, versuchte ich ihn zu beruhigen.

„Sind Sie Polizist?“ fragte er hoffnungsvoll.

„Privatdetektiv“, log ich.

„Ein erfolgreicher?“

Ich zögerte mit der Antwort. Dann: „Mal ja, mal nein.“

Kaum war das gesagt, sah ich das Diebespärchen erneut zu Werke geh’n. In unmittelbarer Nähe sogar. Das Vorspiel wie gehabt. Die angestoßene ältere Dame fiel jedoch zu Boden. Beide beugten sich über sie, als wollten sie ihr aufhelfen. Das taten andere, weil das Duo mit der Handtasche das Weite suchte. Besser gesagt, das Weite suchen wollte, denn in wilder Entschlossenheit folgte ich ihm. Diesmal verlor ich Beide nicht aus den Augen. Weil sie sich unentdeckt und deshalb sicher wähnten, wurden ihre Schritte gemächlicher. Als belaste sie keine Schuld, schlenderten sie zur breiten Portaltreppe des städtischen Polizeipräsidiums und ließen sich auf ihr nieder. Inmitten sonnenbadender junger Leute und nahe der Höhle des Löwen saßen sie mit Unschuldsmiene sowie der geklauten Hand- und Brieftasche. Sich der Diebstähle zu erfreuen, ließ ich ihnen keine Zeit. Forsch setzte ich mich neben sie und sagte zunächst unverfänglich: „Schönes Wetter heute.“

Sie guckten mich an, als würde ich mit dem nächsten Satz schlechtes Wetter voraussagen. Ich wurde direkter und sagte zur jungen Frau, die die Handtasche der alten Dame in der Hand hielt: „Erbstück, nicht wahr?“

Sie blickte doof und fragte: „Wieso?“

„Weil so etwas keine moderne junge Frau bei sich trägt.“

Ihr Partner schaltete sich ein und meinte böse, ich solle meine Nase in meine Angelegenheiten

stecken. Ich entgegnete, dass ich ein Faible für alte Dinge habe. Dann solle ich zu Teufels Großmutter gehen, wurde der Taschendieb grob. Ich sei auf dem Wege zu ihr, meinte ich einfältig lächelnd.

„Aha“, meinten Beide grinsend, denn sie glaubten, ich habe nicht alle Tassen im Schrank.  

Um meine geistige Beschränktheit noch mehr zu verhöhnen, fragte die junge Frau, wo die Großmutter wohne. Ich blickte hinter mich und wies aufs Polizeipräsidium. Nun lachten Beide aus vollem Halse. Ob ich ihr etwas Schönes bringen wolle, fragte der Mann. Er dachte wahrscheinlich an das Märchen vom Rotkäppchen.

Ich antwortete: „Ja, zwei unehrliche Menschen!“

Das Pärchen stutzte. Dann forderte der junge Mann seine Partnerin auf: „Lass’ uns gehen!“  Ihm schwante Unangenehmes. In diesem Moment schritten zwei Polizisten die Portaltreppe herab. Kaum waren sie in unmittelbarer Nähe, rief ich: „Haltet die Diebe!“ und sprang auf. Auch das Räuberpärchen erhob sich blitzschnell und nahm die Treppenstufen in Eile.

Da Polizisten ein geschultes Gespür für Delikte haben, sausten beide Ordnungshüter den Taschendieben nach.

 

Und wieder war mein Chef des Lobes voll. Ich sei nicht nur ein vorzüglicher Journalist, sondern auch ein nützlicher Fußgänger. Der Polizeipräsident persönlich heftete mir eine Ehrennadel an die Brust, die alte Dame lud mich zu Kaffee und Kuchen ein, und der bestohlene Herr bot mir seine zwanzigjährige hübsche Tochter zur Frau an. Ich wolle aber nicht heiraten, meinte ich und fragte, ob sie mir den Haushalt führen könne. Die Entscheidung bleibe ihr überlassen, meinte er lächelnd. 

Wednesday
Oct242012

Unsere Kulturecke

Liebe Vereinsmitglieder,

an dieser Stelle möchten wir Ihnen in unregelmäßigen Abständen neben unseren sportlichen Betätigungen auch etwas Kultur näher bringen um nicht nur den Körper sondern auch den Geist fit zu halten.